Wilfried Stadler

Vorwort

Bei der Suche nach tauglichen Antworten auf immer komplexere Fragen reichen Intellekt und sachlogische Argumente oft nicht aus. Wenn Denken gelingen soll, muss ihm jedenfalls Wahrnehmung vorausgehen. Den besten Weg zur Wahrnehmung aber zeigt uns die Kunst.

GLOBART bezieht deshalb seine Erneuerungskraft als Zukunftsakademie seit der Gründung vor 20 Jahren aus dem lebendigen Austausch zwischen aktuellen Themenfeldern und Gedankenwelten mit schöpferischen Impulsen aus Musik und Darstellender Kunst. Denn erst die enge Verbindung von zeit-gerechtem Denken mit künstlerischem Schaffen erschließt neue Sichtweisen.

Mit dem Blick auf Hannah Riegers Sammlung hochrangiger Werke der Art Brut wird diese Verbindung zugleich auf die Spitze getrieben wie ins Gegenteil verkehrt. Künstlerisch begabte Menschen, die am sozialen Leben nicht oder nur ganz ausschnitthaft teilnehmen, kommentieren in ihren verschlüsselten Werken ein meist nur als Echo wahrgenommenes Geschehen in ganz eigenen Formensprachen. Sie provozieren damit eine andere Aufmerksamkeit und führen uns zu ungewohnten Schlüssen über die Beschaffenheit der uns umgebenden Wirklichkeiten. Ist es Zufall, dass ihr Schaffen einen seiner Orte der Entfaltung im Umfeld jenes Wien gefunden hat, das zum Ausgangspunkt der bedeutendsten Schulen der Psychotherapie geworden ist?

Hannah Riegers besondere Beziehung zu dieser außerhalb aller herkömmlichen Kategorien gedeihenden schöpferischen Parallelwelt durfte ich schon kennenlernen, als sie über mehr als zwei Jahrzehnte für Kommunikation, Marketing und Kunst in derselben Bank verantwortlich war, für die auch ich tätig sein durfte. An den Wänden ihres Büros, in dem unter ihrer umsichtigen Leitung zahlreiche Publikationen, Veranstaltungen und Ausstellungsprojekte entstanden, boten sich erste Einblicke in die damals erst in ihren Anfängen stehende Sammlung. Die Genauigkeit und Konsequenz in der so leidenschaftlichen wie geschmackssicheren Wahl der Objekte ihrer bis heute auf über 400 Werke angewachsenen Sammlung mag in der Familie liegen: Hannah Riegers Großonkel war Heinrich Rieger, einer der wichtigsten Kunstsammler der Zwischenkriegszeit. Er kam 1942 im Lager Theresienstadt ums Leben, seine Frau Bertha wurde zwei Jahre später in Auschwitz zum Opfer des Holocaust.

Heidemarie Dobner als Intendantin der GLOBART-Academy verdanken wir, dass sie Hannah Rieger für die Präsentation eines gewichtigen Querschnitts durch ihre Sammlung gewinnen konnte. Dass Monika Jagfeld, die das Museum im Lagerhaus, St. Gallen, Stiftung für schweizerische Naive Kunst und Art Brut, zu einem international renommierten Kompetenzzentrum und Gedächtnisspeicher von Werken aus künstlerischen Grenzbereichen entwickelt hat, als Kuratorin fungiert, kann als Glücksfall bezeichnet werden.

Das museumkrems in der ehemaligen Dominikanerkirche hat sich schon im vergangenen Jahr als idealer Ausstellungraum für GLOBART-Initiativen gezeigt. Die griechische Künstlerin Danae Stratou war damals der Einladung von Heidemarie Dobner gefolgt, ihre geheimnisvollen Black Boxes auszustellen. Sie boten eine viel beachtete Projektionsfläche aktueller Sehnsüchte und Ängste, die in engem Bezug zum Jahresthema „,Wirklichkeiten“ standen. Wenn es bei der GLOBART-Academy 2017 um „,Ordnung und Unordnung“ geht, drängen sich wieder assoziative Querverbindungen zu den Exponaten von „,Leben in Art Brut“ auf.

Ich danke allen, die zum Zustandekommen dieser kostbaren Bilder-Schau beigetragen haben und wünsche der Ausstellung die verdiente Aufmerksamkeit!

 

Wilfried Stadler

Wilfried Stadler, 1951 in Salzburg geboren, studierte Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien und gründete dort das Wirtschaftsmagazin „,thema“. Nach der Promotion folgte eine mehrjährige Industriepraxis im elterlichen Unternehmen und Erfahrung in der wirtschaftspolitischen Beratung. Ab 1987 war er in unterschiedlichen Funktionen in Banken tätig, zuletzt von 2002 bis 2009 als Vorsitzender des Vorstandes der Investkredit Bank AG. Seit 2009 ist er selbstständig tätig, vor allem als Aufsichtsrat in österreichischen Familienunternehmen und Beirat einer Beteiligungsgesellschaft. Wilfried Stadler ist seit 2008 Honorarprofessor an der Wirtschaftsuniversität Wien, Lehrbeauftragter an der Universität Salzburg, Mit-Herausgeber und Kolumnist der österreichischen Wochenzeitung „,Die Furche“ und seit 2014 Präsident von GLOBART. Er ist Autor zahlreicher Fachpublikationen über wirtschaftspolitische Themen, Finanzmarktökonomie, Unternehmensfinanzierung und Wirtschaftsethik.