ART BRUT

Der Begriff Art Brut

Art Brut ist Jean Dubuffets Bezeichnung aus 1945 für eine ursprüngliche Kunst außerhalb des Mainstreams. Brut meint roh, durchaus in Analogie zum Champagner, denn Dubuffet war nicht nur Künstler, sondern auch Weinhändler. Die Schöpfer haben keine Kunstuniversitäten besucht, kulturelle Trends bedeuten ihnen nichts. Jean Dubuffet hat im Laufe seines Lebens eine große Sammlung zusammengetragen, die er 1971 der Stadt Lausanne schenkte. Die Collection de l'Art Brut ist das älteste Art Brut-Museum der Welt.

Es geht bei Art Brut immer um die Qualität des künstlerischen Ausdrucks. "Individuelle Mythologien" (Harald Szeemann) begründen diese. Jede Künstlerin, jeder Künstler hat eine eigene, unangepasste Formensprache. Sozialer Status, Biografie oder psychischer, körperlicher und geistiger Zustand spielen bei der Beurteilung der ästhetischen Kriterien keine Rolle. Dennoch handelt es sich bei Art Brut um eine Schaffenskraft am Rande der Gesellschaft. Im wesentlichen umfasst Art Brut Kunst von Menschen mit Psychiatrieerfahrungen oder Behinderungen, mediumistische - d.h. von einem Geist geführte - Kunst oder Kunst sozialer Außenseiter. Mir ist wichtig, die Künstler und Künstlerinnen in ihrer jeweiligen Schicksalshaftigkeit zu würdigen.

Roger Cardinal prägte 1972 den Begriff Outsider Art, der im angloamerikanischen Raum populär wurde.

Zur Geschichte der Art Brut

Obwohl wir schon im 19. Jahrhundert Beispiele von Art Brut in psychiatrischen Kliniken finden, beginnt die eigentliche Geschichte mit der Publikation von zwei Büchern, die eine Schlüsselrolle in der Verbreitung der Art Brut in Künstler- und Psychiater-Kreisen spielten.

1921 erschien das Buch über Adolf Wölfli "Ein Geisteskranker als Künstler", das auch seinen Psychiater Walter Morgenthaler aus der Klinik Waldau, Bern, weltberühmt machte.

Der Kunsthistoriker und Arzt Hans Prinzhorn publizierte 1922 die "Bildnerei der Geisteskranken". Basis seiner Forschung waren nicht nur die Sammlung der psychiatrischen Klinik von Heidelberg, sondern auch mehr als 5.000 Werke aus Psychiatrien in ganz Europa, die er sich für seine wissenschaftliche Arbeit zusenden ließ. Dies ist die berühmte Sammlung Prinzhorn, die in der Klinik Heidelberg museal verankert ist.

In der Folge bezogen sich die Künstler der Avantgarde und etwas später die Surrealisten (z.B. Max Ernst, Salvador Dali, Hans Bellmer) auf Werke aus Psychiatrien und ließen sich von dieser unverfälschten Kunst inspirieren. Auch Pablo Picasso, Jean-Michel Basquiat und David Bowie sammelten Art Brut.

Das Modell Gugging

Gugging ist das Zentrum für Art Brut in Österreich. Der Psychiater und Primar Leo Navratil begann 1949 in der psychiatrischen Klinik Gugging, unweit von Wien, zu arbeiten. Er publizierte 1965 "Schizophrenie und Kunst". 1981 gründete er das weltbekannte "Haus der Künstler" (zunächst "Zentrum für Kunst-Psychotherapie" genannt) als Männerabteilung der Psychiatrie.

Er schickte bereits 1969 Jean Dubuffet Zeichnungen seiner Patienten, die dieser als Art Brut akzeptierte. 1970 wurden die Gugginger Künstler das erste Mal in der Galerie nächst St.Stephan bei Monsignore Otto Mauer in Wien präsentiert. Viele Künstler kamen nach Gugging, u.a. Eduard Angeli, Adolf Frohner, André Heller, Peter Pongratz, Arnulf Rainer und Gerhard Roth. 1990 erhielten die Künstler mit dem Oskar Kokoschka Preis die höchste offizielle Anerkennung Österreichs.

Gugging hat sich zeitgerecht zu einem einzigartigen Art Brut-Center mit Kunstproduktion, Museum und Galerie weiterentwickelt. Der Psychiater und Künstler Johann Feilacher, Nachfolger Leo Navratils, hat das Haus der Künstler aus der Psychiatrie ausgegliedert, diese Wohngemeinschaft in eine Sozialhilfeeinrichtung umgewandelt und 2006 das museum gugging eröffnet. Den Begriff Patient hat er obsolet werden lassen. Grundkriterium der Aufnahme ist Talent auf einem künstlerischen Gebiet.

Art Brut im Zeitgeist

"Art Brut hat es immer gegeben, es ist nur nicht beachtet worden". Das sagt Arnulf Rainer, einer der berühmtesten österreichischen Künstler und vermutlich größter Art Brut-Sammler unseres Landes.

Momentan befinden wir uns in einer Phase, in der Art Brut international immer mehr beachtet wird. Da der Markt für Kunst den ökonomischen Veränderungsdynamiken ebenso ausgesetzt ist wie alle anderen Bereiche der Gesellschaft, wird Art Brut immer mehr zum „Business“. Die klassischen Grenzen zwischen Art Brut und „Hochkunst“ verschieben sich. So rückt Art Brut vom Rand immer wieder in den Blickpunkt der internationalen Kunstöffentlichkeit, wie beispielsweise in die Hauptpavillons der Venedig-Biennalen 2013 und 2017. Seit der Jahrtausendwende sind europaweit zahlreiche Art Brut-Museen entstanden. Private Sammlungen werden zunehmend öffentlich.

Ich arbeite daran, Art Brut in der Welt der zeitgenössischen Kunst - bei den Kunsthistorikern, Galeristen, Schätzmeistern in Auktionshäusern oder Kuratoren - einen gleichberechtigten Platz zu erobern.