Hannah Rieger

Leben in Art Brut

Mittlerweile lebe ich in dieser besonderen Kunst, die ich seit 25 Jahren sammle, in insgesamt rund 400 Werken. Vor allem in Kunst aus Gugging, die etwa zwei Drittel meiner Sammlung und damit deren Kern ausmacht. Der Rest besteht aus internationaler Art Brut. Ich wohne in Wien und im Weinviertel in Niederösterreich.

Seelische Brüche

Leben „in“ Art Brut bedeutet für mich viel mehr als Leben „,mit“ Art Brut. Schon Goethe hat in einem berühmt gewordenen Brief über seine Beschäftigung mit dem griechischen Dichter Pindar geschrieben: „,Ich wohne jetzt in Pindar“.

Leben in Art Brut steht dafür, dass ich mein Leben und Arbeiten zunehmend innerhalb dieser Welt von Kunst gestalte und damit auch die KlientInnen meiner Coaching-Praxis mit Art Brut konfrontiere. Dass ich mich selbst dadurch in meiner ganzen Identität beeinflussen lasse und immer mehr Zeit in das Projekt investiere. Das bedeutet vor allem reisen, reden, publizieren, lesen. Art Brut ist Teil meiner Persönlichkeit geworden. Der Farben- und Formenreichtum der wunderbaren Werke bringen Freude, Vielfalt und Kontinuität in meine Welt. Immer, immer wieder und jeden Tag von Neuem.

Meine Kunstsammlung dient mir als „,Mikrospiegel“, der sich auf mich als Person bezieht. Wenn ich mich traue, hineinzuschauen, zeigt er mir unterschiedliche Dimensionen der Reflexionen meines Art Brut-Projekts und damit meines Lebens. Durch diese Haltung spüre ich vermehrt die Qualität des „,Seins“ im Unterschied zum „,Haben“ nach Erich Fromm. Sammeln als Konzept ist damit für mich näher bei der Vorstellung von Investitionen in ein gelingendes Leben. Und weiter entfernt von Begriffen wie Konsum oder Vermögensveranlagungen.

Die Beschäftigung mit Art Brut hat sich bei mir vor 25 Jahren in kürzester Zeit ihren Raum genommen. Das Sammeln von Art Brut und innerhalb dieser Kunst zu leben, ist mein großes Projekt der Leidenschaft geworden. Natürlich ist damit auf einer oberflächlichen Ebene auch Maßlosigkeit verbunden. Das „,immer mehr“ ist ein Thema geblieben. Ich habe stets einige Bilder irgendwo in der Welt auf meiner „,inneren Einkaufsliste“, die ich gerne hätte. Begrenzte finanzielle Ressourcen zeigen damit das Suchtpotential, das mit dem Sammeln einhergeht. In meiner Wirklichkeit geht es darum, wie meine Sammlung zu meiner Identität und persönlichen Entwicklung beiträgt.

Art Brut hat mich nach dem Motto „,how we discover our lives through our passions“ auch zu beruflichen Kunst-Projekten gebracht, wie etwa in den Universitätsrat an der Angewandten, Wien. Oder für einige Jahre zur Betreuung der Kunstsammlung einer Banken-Gruppe. In beiden Beispielen war mir die Anbindung an die zeitgenössische Kunst wichtig, da es sich bei meiner Sammlung um ein Projekt in einer speziellen Nische der Kunst handelt.

Durch meinen Zugang zu Art Brut beziehe ich das Thema „,Außenseiter“, das mich schon immer und historisch begleitet, in meine Existenz mit ein. Natürlich geht es bei Art Brut geradezu ausschließlich um die Qualität der Kunst. Ich verwende auch den Begriff „,outsider art“ ungern. Trotzdem kann ich die Außenseiter-Thematik nicht ignorieren. Denn einerseits zeigt mir die im Zuge internationaler Ausstellungen derzeit häufigere Neukontextualisierung der Lebensgeschichten dieser wunderbaren Künstlerinnen und Künstler, immer deutlicher die Zusammenhänge zwischen deren individuellen Mythologien und seelischen Brüchen. Andererseits sehe ich in den Brüchen meiner eigenen Biografie letztlich den tieferen Grund, warum ich mich auf Art Brut eingelassen habe.

Das Sammeln von Art Brut hat vermutlich etwas mit einem selbst zu tun. Bei mir ist es meine Familiengeschichte im Holocaust. Der Bruder meines Großvaters, mein Großonkel, war Heinrich Rieger, ein jüdischer Zahnarzt, der im Wien der Zwischenkriegszeit eine Kunstsammlung u.a. mit Arbeiten von Egon Schiele aufgebaut hat. Er wurde 1942 in Theresienstadt ermordet und viele Werke sind unauffindbar geblieben.

Sein Schicksal ist ein Motiv für mich, meine Sammlung zu dokumentieren und öffentlich zu machen. Der tiefere Aspekt betrifft die Tatsache, dass ich zur „,zweiten Generation“ zähle. Und da ehre ich wohl mit meiner Sammlung nicht nur die Art Brut- Künstlerinnen und -Künstler in ihrer jeweiligen Schicksalhaftigkeit, sondern symbolisch auch Personen aus meiner Familie, die eine der dunkelsten Perioden unserer Geschichte nicht überlebt haben.

Meine Offenheit für Begegnungen mit Menschen, die am Rand leben, und mein Bemühen um Verbindungen zwischen verschiedenen Welten resultiert aus dem Anders- Sein, aus den Erfahrungen der Ausgrenzung, der Brüche. Der Reichtum der Art Brut- Werke hat es mir möglich gemacht, mich von den Belastungen der Vergangenheit zu emanzipieren.

Sammeln als Projekt

Zum Status Quo 2017 oder was bedeuten rund 400 Werke? Mit 3 Künstlerinnen und 29 Künstlern und insgesamt 250 Arbeiten ist Kunst aus Gugging in meiner Sammlung vertreten. Weitere 6 Künstlerinnen und 8 Künstler mit insgesamt 30 Bildern kommen ebenfalls aus Österreich. Der Rest, rund 125 Werke von 31 Künstlern und 16 Künstlerinnen ist internationaler Provenienz aus Nord- und Südamerika, Afrika, Asien und Europa. Und: Von allen 95 KünstlerInnen in meiner Sammlung sind noch 45 am Leben. Natürlich kenne ich alle Gugginger Künstler persönlich und habe über meine Besuche auch regelmäßige Begegnungen mit ihnen.

Da Gugging de facto ein reines Männerprojekt war, sind mir die Frauen in Gugging besonders wichtig. Eine nicht alltägliche Beziehung verbindet mich mit Laila Bachtiar, der einzigen Frau, die im Atelier arbeitet und von der Galerie vertreten wird. Mit ihr und ihrer Mutter treffe ich mich mehrmals im Jahr auch außerhalb von Gugging. Dass ich mit Karoline Rosskopf und Barbara Demlczuk auch zwei der ganz wenigen historischen Künstlerinnen aus der Ära von Leo Navratil in meiner Sammlung vertreten habe, freut mich natürlich.

Es war vor allem meine Mutter, eine bekennende Feministin, die immer die Frauen in meiner Sammlung einforderte. Irgendwann ist mir bewusst geworden: Eigenständige Sammlerinnen von Art Brut sind selten. Noch seltener sind Sammlerinnen, die vermehrt Art Brut-Künstlerinnen kaufen. Das führte dazu, dass ich zu Beginn meiner Internationalisierungsphase vor rund zehn Jahren einen Frauenfokus für meine Sammlung mitkonzipierte. Mittlerweile ist auch ein „,Frauenzimmer“ entstanden, das heißt ein Raum ausschließlich mit Arbeiten von Künstlerinnen. Laila Bachtiar, Beverly Baker, Guo Fengyi, Jill Gallieni, Madge Gill, Magali Herrera, Nina Karasek, Karoline Rosskopf und Mary T. Smith haben hier zusammengefunden.

Meine Strategie besteht aus drei Schwerpunkten: Erstens gibt es die Abrundung meines Gugging-Schwerpunktes um frühe historische Arbeiten. Zweitens den spezifischen Frauenfokus. Drittens konzentriere ich mich auf internationale Art Brut-Positionen. Dieser Strategie folgend, lasse ich die Kunst auf mich zukommen und jage ihr nicht hinterher: Ich erhalte Angebote von internationalen Galerien und Sammlungen und entscheide.

Das Sammeln von Art Brut ist für mich ein professionelles Projekt. Ich bin ja nicht nur Sammlerin, sondern auch Ökonomin, Beraterin für berufliche Entwicklung und Vortragende. Damit ist eine bestimmte Art der Reflexion verbunden. Und der Kontext, in dem sich mein Sammeln bewegt, ist ein spezifischer.

Ganz wichtig für mich ist die „,Feldforschung“, also mein Zugang zu Art Brut als Feld in der zeitgenössischen Kunst. Dazu zähle ich Museums- und Ausstellungsbesuche und damit verbundene Reisen. Aber natürlich auch ein vielfältiges Kontaktnetz bestehend aus Künstlern, Galeristen, Museumsdirektoren, Kuratoren, Kunsthistorikern, Sammlern, Psychiatern, Schriftstellern, Vertretern von Kunstuniversitäten und Urheberrechtsgesellschaften. Aus all diesen Aspekten und Erfahrungen ergeben sich ständig neue Impulse, Inspirationen, Ideen und Zukunftsbilder für meine Sammlung. Ich bin Autodidaktin in der Art Brut und beeinflussbar durch internationale Art Brut-Trends. Dazu zähle ich die in der letzten Dekade neu entstandenen Museen wie beispielsweise das LaM in Frankreich, die Oliva Creative Factory in Portugal, das Outsider Art Museum im Hermitage Museum in den Niederlanden und natürlich das museum gugging in Österreich. Des Weiteren beeinflusst mich das Öffentlich-Werden großer Sammlungen wie jene von James Brett mit seinem Museum of Everything, von Bruno Decharme und seiner Sammlung abcd, die Richard Treger - Antonio Saint Silvestre Sammlung, die Sammlung von Gerhard und Karin Dammann. Meine Sammlung ist damit etwas Lebendiges.

Von 1980 bis heute

Meine Art Brut-Geschichte hat im Frühjahr 1980 begonnen. Ich besuchte eine Ausstellung von Johann Hauser und Oswald Tschirtner, zwei der bekanntesten Gugginger Künstler, im damaligen Museum des 20. Jahrhunderts in Wien. Die farbenprächtigen Frauen Johann Hausers überwältigten mich genauso wie seine ausschweifende Buntheit. Gleichzeitig faszinierte mich der unerwartete Kontrast der bescheidenen, kleinen, schwarzen Tuschezeichnungen von Oswald Tschirtner. Das Besondere lag in seiner Kraft der Reduktion. Er gilt zu Recht als Meister der minimalistischen Bildsprache. Da diese Ausstellung eine museale war, kam ich gar nicht auf die Idee, dass man solche Bilder auch käuflich erwerben konnte.

Vier Jahre später, 1984, besuchte ich eine weitere Ausstellung, die mich in Richtung Art Brut beeinflusste. „,Primitivism in 20th Century Art“ im Museum of Modern Art in New York. Gezeigt wurden berühmte Künstler des 20. Jahrhunderts, wie Pablo Picasso, Alberto Giacometti oder Henri Matisse zusammen mit ihren Sammlungen afrikanischer und ozeanischer Skulpturen. Diese gigantische Gegenüberstellung konkreter Inspirationen beeindruckte mich stark . Es gab auch einen eigenen Bereich über Dada und den Surrealismus. Viele Surrealisten, beispielsweise Max Ernst oder Joan Miro waren vom Primitivismus und von Kunst aus psychiatrischen Anstalten beeinflusst.

Diese Ausstellungen in Wien und New York haben mir Impulse in Richtung Art Brut gegeben. Es dauerte dann noch sieben Jahre, bis ich meine ersten Gugginger Bilder von Johann Korec und August Walla in der Galerie Chobot in Wien kaufte. Seither, also seit 1991, kaufe ich. In den 1990er Jahren wurde ich Kundin bei allen ausschließlich auf Gugging konzentrierten Galerien und seit 1993 von Gugging selbst. Bei meinem ersten Besuch dort hat mir Johann Hauser den Weg gewiesen, als ich im „,Alten Kaffeehaus“ nach dem Haus der Künstler fragte. Ich war damals Mitte 30, eine Prokuristin in einer Spezialbank und dabei, mir mein zweites berufliches Standbein als Beraterin aufzubauen. Die beiden Gugginger Stars Johann Hauser und August Walla waren schon relativ teuer. Ich konzentrierte mich daher in der Anfangsphase auf Oswald Tschirtner und die damals lebenden Gugginger Künstler. Von 2000 bis 2006 war ich Mitglied des Vorstandes des Trägervereins (Freunde des Hauses der Künstler in Gugging) für das Haus der Künstler. Das war in jener zukunftsorientierten Phase, als die Ausgliederung des Hauses der Künstler aus der Psychiatrie erfolgte und die nachhaltige Positionierung als Sozialhilfeeinrichtung gelang. Das museum gugging wurde 2006 eröffnet. Und wenn es nach meinem Willen geht, wird meine Sammlung irgendwann doch ihren Weg nach Gugging finden.

Art Brut als Schlüssel zur Welt

Art Brut ist immer das völlig Unerwartete, das gänzlich andere in der Kunst. Und: Art Brut verwandelt sich permanent. Meine These ist: Wenn Kunst ein Spiegel ist, konfrontiert uns Art Brut mit der Welt, in der wir leben und arbeiten. Eine wesentliche Frage ist darüber hinaus, was es bedeutet, wenn die Kunst vom Rand unseres Wirtschaftsund Gesellschaftssystems immer mehr in den Fokus des Interesses rückt? Vielleicht zeigt uns die Art Brut genau jene „,Ver-rücktheiten“ unserer Zeit, die sich nicht mehr an der Peripherie, sondern im Zentrum unseres Systems abspielen. Unter „,Ver-rücktheit“ verstehe ich eine sozial nicht kompatible Wirklichkeitskonstruktion. Im Kontext der Art Brut bedeutet es für mich einen anderen, möglicherweise unkonventionelleren Zugang zu unserer Wirklichkeit.

Die Art Brut erzählt von Welten, mit ihren inneren und äußeren „,Ver-rücktheiten“. In der Wirtschafts- und Beratersprache bezeichnet man diese als Widersprüche, Gegensätze oder Paradoxien. Das bedeutet, dass sie in unserem Denken und in der Kommunikation schwer lösbare Probleme darstellen. Wir sind beispielsweise kosmopolitisch geworden, aber noch immer in nationalstaatlichen Konzepten, Institutionen und Handlungsräumen verankert. Oder Veränderungen finden nicht mehr anlassbezogen statt, Verwandlung als Dauerzustand ist Alltag geworden. Wir erleben ein Gefühl des Ausgeliefertseins an unterschiedlichste Kräfte, die wir teilweise gar nicht sehen können, wie Klimakatastrophen, Atomkraft oder digitale Risiken.

Die Widersprüche, die wir beobachten, zeigen uns, dass unsere Welt aus den Fugen geraten ist. Dies betrifft sowohl ihre äußere Ordnung als auch ihren inneren Zusammenhalt. Das Besondere unserer Zeit scheint darin zu bestehen, dass der Ausnahmezustand immer mehr zur Normalität wird, dass das gestern noch Undenkbare bereits Realität ist. Der deutsche Soziologe Ulrich Beck beschreibt dies in in seinem gleichnamigen, letzten Buch als „,Die Metamorphose der Welt“. Es ist eine andere Kategorie als Wandel oder Transformation oder Krise. Sie betrifft unsere Art des In-der-Welt-Seins. Und es fehlt uns noch die Begrifflichkeit dafür. Zeigt uns also vielleicht die Art Brut, dass es nicht darum geht, diese aus den Fugen geratene Welt zurecht rücken zu wollen, sondern sie wahrzunehmen, wie sie ist: ver-rückt. Einen Schlüssel der Beschreibung zu dieser Verwandlung zu finden. Das bedeutet, sie aus ihren „,Ver-rücktheiten“ heraus begreifen zu wollen, diese zu akzeptieren und sich mit ihnen und den daraus resultierenden Konflikten konstruktiv auseinander zu setzen. Mir hilft mein Art Brut-Projekt, Halt und Orientierung in einer Gegenwart der permanenten Verwandlung zu finden.

 

Hannah Rieger

Hannah Rieger wurde 1957 in Wien geboren. Ihre Eltern mit katholischen und jüdischen Wurzeln hatten davor beinahe zwanzig Jahre in der englischen Emigration gelebt. An der Universität Wien absolvierte sie ein Studium der Wirtschaftswissenschaften (Mag. rer. soc. oec.). Am Institut für Höhere Studien in Wien hat sie ein zweijähriges Post Graduate Studium in Ökonomie abgeschlossen. Nach einer kurzen Assistenten-Zeit an der Universität Wien, war sie zwischen 1983 und 2010 in unterschiedlichen Funktionen in der Spezialbanken-Gruppe Investkredit tätig, u.a. als Direktorin für Kommunikation und Marketing. Seit vielen Jahren arbeitet sie als Beraterin für berufliche Entwicklung in freier Praxis (Gruppendynamik-Trainerin im Österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik/ÖAGG und Supervisorin und Coach im ÖAGG und in der Österreichischen Vereinigung für Supervision und Coaching/ÖVS). Weiters ist sie Autorin und Herausgeberin von Fachbüchern beispielsweise über Unternehmensförderungen und Familienunternehmen. 2014 hat sie ihre erste Art Brut-Publikation 'Kunst, die verbindet' im AQ-Verlag, Wien, herausgegeben. 2017 folgte der Globart-Buchkatalog 'Living in Art Brut. 123 works from the Hannah Rieger Collection'. Darüber hinaus ist sie als Vortragende und Moderatorin, auch zu Kunstthemen, aktiv. Seit 2008 ist sie Mitglied und seit 2013 stellvertetende Vorsitzende des Universitätsrats an der Angewandten, Wien. 2011 wurde sie zur Ehrensenatorin von GLOBART ernannt. Hannah Rieger sammelt seit 1991 Art Brut.