Aloïse Corbaz

1886 bis 1964, Schweiz

Aloïse Corbaz wurde in Lausanne in eine kinderreiche Familie geboren. Ihr Vater war Postangestellter, der seine inneren Spannungen mit Alkohol zu kompensieren versuchte. Sie verlor bereits sehr früh ihre herzkranke Mutter.

1906 maturierte sie und besuchte danach eine Fachschule für Schneiderei, übte diesen Beruf aber nie aus. Sie träumte davon, Sängerin zu werden, denn sie hatte eine schöne Stimme, erhielt privaten Gesangsunterricht und sang im Kirchenchor der Kathedrale von Lausanne. Dabei entdeckte sie ein großes Repertoire an Opern. Als sie sich in einen französischen ehemaligen Priester verliebte, der nach Lausanne gekommen war, um evangelische Theologie zu studieren, wurde diese Beziehung von ihrer ältesten Schwester Marguerite rigoros unterbunden. 1911 übersiedelte sie nach Potsdam, wo sie zunächst als Lehrerin und später als Gouvernante beim Hofkaplan im Palast von Sans-Souci in der Nähe des Kaisers arbeitete. Sie lebte in einer Mischung aus puritanischer Strenge und imperialer Größe. Auf Grund ihrer Stimme sang sie auch in der Schlosskapelle in Gegenwart des Kaisers. In der Folge entwickelte sie eine obsessive und imaginäre Leidenschaft für Wilhelm II, die sie nicht mehr ruhen ließ. 1913 kehrte sie nach Lausanne zurück und ging noch zeitlich begrenzte Arbeitskontrakte ein. Sie entwickelte Wahnvorstellungen, schrieb religiöse Traktate zur Rettung der Welt, verbreitete antimilitärische Propaganda und warb für eine vegetarische Lebensweise. Aufgrund ihrer psychischen Probleme wurde sie 1918 bis 1920 in die psychiatrische Universitätsklinik von Cery eingewiesen. Die Ärzte sprachen von "paranoider Schizophrenie". In weiterer Folge wurde sie nach La Rosière in Gimel transferiert, wo sie bis zu ihrem Tod 44 Jahre später blieb.

In dieser Klinik bügelte sie vor allem die Schürzen der Krankenschwestern. Bald begann sie jedoch, wenn sie mit ihrer Arbeit fertig war, in großer Isolation zu schreiben und zu zeichnen. Ihre frühen Werke sind kaum erhalten. Erst nach 1936 entdeckte zuerst Professor Hans Steck, Direktor des psychiatrischen Krankenhauses und dann 1941 ihre Ärztin Dr. Jacqueline Porret-Forel, ihre wunderbare Kunst. Damals war Aloïse Corbaz bereits 55 Jahre. Seit dieser Zeit erhielt sie Materialien zum Zeichnen. Jacqueline Porret-Forel vermittelte sie auch an Jean Dubuffet, der sofort die Größe ihrer Kunst begriff und sie förderte und ausstellte. Diese Begegnung war bestimmend für die Geschichte der Art Brut, gilt Aloïse Corbaz bis heute als die bedeutendste weibliche Vertreterin dieses Genres. Aloïse verwendete immer beide Seiten des Papiers und benutzte entweder Buntstifte oder Ölkreiden. Manchmal fügte sie auch Zahnpaste, Fruchtsäfte oder Blütenblätter dazu. Ihr Hauptmotiv waren mystisch anmutende Liebesszenen in großer Farbenpracht und Komplexität voll mit Königinnen und Königen, Prinzen und Prinzessinnen, Generälen, anonymen Offizieren, Päpsten, Bischöfen, Zirkusleuten etc. Charakteristisch für ihre Figuren sind blaue Augen. Um große Formate - einige sind über 10 Meter - zu generieren, nähte sie mehrere Blätter mit Fäden zusammen.

Ihre schöpferische Tätigkeit kann als der Versuch gedeutet werden, ihre Identität zu rekonstruieren, was ihr durch ihr künstlerisches Werk auf einer mythischen Ebene gelang. Ihre Schöpfung - von Opern inspiriert - ist auf einer Bühne des Welttheaters angesiedelt. Sie kannte auch Meisterwerke der klassischen Malerei und gab diese in ihrer eigenen bunten und phantasievollen Formensprache wieder. Ihre wichtigsten Arbeiten befinden sich in der Collection de l'Art Brut in Lausanne, im Kunstmuseum Solothurn, Schweiz, sowie in der Sammlung von Christine und Jean-David Mermod, Lausanne, Schweiz, der Collection Philippe Eternod und Jean-David Mermod, Lausanne, Schweiz, und der Collection abcd/Bruno Decharme, Frankreich.

 

Ausgewählte Werke