Monika Jagfeld

Von Gugging bis Chandigarh

Von Gugging bis Chandigarh, rund um die Welt verlaufen die Reisen von Hannah Rieger, wenn sie Art Brut respektive Outsider Art (auf-) sucht. Tatsächlich handelt es sich nicht allein um geografische Weltreisen, vielmehr ist das Reisen hier ein Welten-Reisen: Reisen in unterschiedlichste Lebenswelten, Ideenwelten und Kunstwelten.

Weltenreisen

Für die Sammlerin Hannah Rieger gilt „,Leben in Art Brut“ im tiefsten Sinne des Wortes. Es bedeutet nicht allein eine Kunstsammlung zu besitzen und mit ihr zu leben. Auch das Jagen nach für den Kunstmarkt bedeutenden Werken liegt ihr nicht. Stattdessen sagt sie, sammelt sie nur, was sie selbst gesehen, was sie erlebt hat. Einst im Innersten getroffen von einer Zeichnung des Gugginger Künstlers Oswald Tschirtner, ist sie seit jenem Ausstellungsbesuch 1980 infiziert von der Leidenschaft für Outsider Art. Oswald Tschirtner ist ihr dabei einer der wichtigsten Künstler geblieben. Im Zentrum dieser Passion steht immer die Begegnung mit dem Werk, der Moment des Berührtseins und des Sich-treffen-lassens. So taucht die Sammlerin ein in künstlerische Universen, aber gleichermaßen in die signifikanten Lebensumstände der KünstlerInnen. Sie reist an verschiedene Orte, Outsider Art zu sehen und zu entdecken, um das Kunstschaffen zu spüren. Längst wird ihre Lebensorientierung von der Kunst geleitet.

Ausgangspunkt der Wienerin ist – wie könnte es anders sein – das Haus der Künstler in Gugging. Die ersten beiden Werke, die Hannah Rieger in der Wiener Galerie Chobot 1991 kaufte, waren von den Gugginger Künstlern Johann Korec und August Walla. Mit ihnen hat ihr Weltenreisen begonnen, nach Gugging zieht es die Sammlerin immer wieder zurück. Darüber hinaus wirkte Hannah Rieger in den Jahren von 2000 bis 2006 im Vorstand des Vereins der Freunde des Hauses der Künstler in Gugging mit. Mit rund 250 von derzeit insgesamt rund 400 Werken werden rund zwei Drittel ihrer Sammlung von Künstlerinnen und Künstlern aus Gugging beherrscht. Nahezu alle Zeichner und Maler aus dem Haus der Künstler sind in ihrer Sammlung vertreten, die großen „,Stars“ der ersten Generation, die noch unter dem Psychiater Leo Navratil tätig war, Johann Hauser, August Walla und mit einer umfangreichen Auswahl von 36 Arbeiten Oswald Tschirtner. Sie gelten inzwischen als Klassiker der Art Brut – ebenso wie Josef Bachler, Barbara Demlczuk, Anton Dobay, Alois Fischbach, Johann Fischer, Franz Gableck, Johann Garber, Ernst Herbeck, Aurel Iselstöger, Franz Kamlander, Franz Kernbeis, Fritz Koller, Johann Korec, Rudolf Limberger (Max), Fritz Opitz, Otto Prinz und Philipp Schöpke. Des Weiteren berücksichtigt die Sammlerin die jüngeren sowie aktuell tätigen Künstler aus Gugging: Leonhard Fink, Heinrich Reisenbauer, Arnold Schmidt, Günther Schützenhöfer, Jürgen Tauscher, Karl Vondal und den „,Newcomer“ Leopold Strobl. Innigen Kontakt pflegt sie mit Laila Bachtiar, neben Karoline Rosskopf eine der wenigen Künstlerinnen in Gugging, genau gesagt die einzige aktuell im Atelier arbeitende Frau, die außerdem von der Galerie vertreten wird. Allein 44 Zeichnungen von Laila Bachtiar befinden sich in ihrer Sammlung. Hier hatte sich eine regelrechte Familienfreundschaft entwickelt zwischen Hannah Rieger, ihrer Mutter Marga Rieger, deren Wohnung mit Werken von Laila Bachtiar bestückt war, der Künstlerin und deren Mutter. In „,Kunst, die verbindet“ (2014), der ersten Publikation Hannah Riegers zu ihrer Sammlung, kommt somit zugleich Marga Rieger zu Wort, die ihre Vorliebe speziell für die Künstlerinnen und Laila Bachtiar schildert.1) „,Leben in Art Brut“ bezieht bei Hannah Rieger unmittelbar ihr nahe stehende Menschen mit ein.

Reisefreudig war Hannah Rieger immer schon, fasziniert von fernen Ländern: USA, Venezuela, Peru, Hongkong. Elementar ist dabei die Offenheit anderen Kulturen und Lebensweisen gegenüber, eine Offenheit, die sicher eine Basis bildet für Hannah Riegers Hingabe an und Einfühlung in die Outsider Art. Besonders Indien hat es ihr angetan. Nach ihrem ersten Besuch 1976 war sie mehr als zwanzigmal in Indien. Naheliegend ist folglich ihre Begeisterung für das Lebenswerk Nek Chands, dem Rock Garden of Chandigarh mit seinen berühmten lebensgroßen Keramikfiguren, heute einer der bedeutendsten Plätze Indiens mit touristischer Anziehungskraft. Selbstverständlich war Hannah Rieger vor Ort, um die Kunststätte 2009 selbst zu erleben, und hat 2011 ebenfalls den zweiten Rock Garden Nek Chands in Kerala besucht. Zwei kleine Nek Chand-Figuren befinden sich außerdem in ihrer Sammlung.

Zwischen Gugging und Chandigarh liegen Stationen mit Werken weiterer bedeutender internationaler KünstlerInnen in der Sammlung Hannah Rieger. Die Sammlerin hat sich zum Ziel gesetzt, mindestens zwei „,Museumsstücke“ jedes Künstlers und jeder Künstlerin in ihre Sammlung zu integrieren. Nur ein Teil kann exemplarisch in Ausstellung und Publikation Eingang finden: Guo Fengyi und Madge Gill, Jaime Fernandes, Michel Nedjar, Raimundo Camilo oder Hassan, Perihan Arpacilar, Pearl Blauvelt, Jill Gallieni, Beverly Baker sowie Martha Grunenwaldt, Nina Karasek und Margarethe Held, Marilena Pelosi, Paul Goesch oder Magali Herrera und Davood Koochaki, Pradeep Kumar, Dan Miller und Donald Mitchell sowie André Robillard, Yuichi Saito, Mary T. Smith, Thérèse Bonnelalbay und Agatha Wojciechowsky, Scottie Wilson, Josef Hofer und Josef Wittlich oder Carlo Zinelli. Raumbedingt muss sich die Ausstellung auf rund 120 Meisterwerke der Sammlung Hannah Rieger konzentrieren und ergibt dennoch eine dichte Schau, um einen repräsentativen Querschnitt der erlesenen Sammlung zu bieten. Darüber hinaus können einzelne Werke, die der Sammlerin am Herzen liegen, im Buch gezeigt werden, wie beispielsweise der Dinosaurier von Julia Krause-Harder vom Atelier Goldstein aus Frankfurt am Main.

Hannah Rieger ist es ein Anliegen, ihre Sammlung weitestgehend öffentlich zu machen, sie zu dokumentieren, sie auszustellen und zu publizieren. Im Interview 2014 sagt sie, „,es existiert nur das, was auch wahrgenommen werden kann“.2) Und sie beruft sich auf das Schicksal ihres Großonkels Heinrich Rieger. Ohne Dokumentation ist dessen Sammlung zeitgenössischer Kunst mit Egon Schiele als Hauptvertreter in der NS-Zeit als Raubkunst verloren gegangen und Heinrich Rieger selbst 1942 in Theresienstadt ermordet worden. Er mag Hannah Rieger nicht allein als Sammler Vorbild sein, sondern ebenso in seiner Hinwendung zur avantgardistischen Kunst, hängen künstlerische Avantgarde und die Geschichte der Art Brut doch eng zusammen.

„Irrenkunst“ und Avantgarde

Waren es Ende des 19. Jahrhunderts in Europa noch zunächst die Psychiater, die Interesse an künstlerischen Arbeiten ihrer Patienten und Patientinnen zeigten, sie sammelten und untereinander tauschten, sind es Anfang des 20. Jahrhunderts die Künstler der Avantgarde, die sich auf die so genannte „,Irrenkunst“ beziehen und sich diese „,unverfälschte“ Kunst zum Vorbild nehmen. „,Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt“, heißt es im Manifest der Künstlergruppe „,Die Brücke“ von 1906. So sieht der Brücke-Maler Ernst Ludwig Kirchner während seines Aufenthaltes 1917/18 im Privatsanatorium Bellevue in Kreuzlingen durch den Psychiater und Psychoanalytiker Ludwig Binswanger die Bilder der Patientin Else Blankenhorn, die ihn tief beeindrucken und inspirieren. „,Ich habe viel Anregung durch die Bilder einer Kranken“, schreibt Kirchner im September 1917 an Henry van de Velde.3)

Der vom Expressionismus geprägte promovierte Kunsthistoriker und Arzt Hans Prinzhorn trägt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg 1919 bis 1921 die größte historische Sammlung von Patientenarbeiten für ein geplantes „,Museum für pathologische Kunst“ zusammen, die er 1922 in seinem epochalen Buch „,Bildnerei der Geisteskranken“ veröffentlicht. Leidenschaftlich ergriffen zeigt sich Prinzhorn von den expressiven, mystisch aufgeladenen Zeichnungen des Kunstschlossermeisters Franz Karl Bühler, den er mit dem Pseudonym „,Franz Pohl“ belegt.4) Für Prinzhorn ist er der bedeutendste seiner „,schizophrenen Meister“. Dessen heute verschollenes Bild „,Der Würgengel“ schmückt als Frontispiz Prinzhorns Buch und Bühlers Selbstporträts vergleicht er mit denen van Goghs.5) Die Begriffe „,Kunst“ und „,Künstler“ meidet Prinzhorn jedoch, widerspricht bewusstes Kunstschaffen und Kunstwollen seiner Vorstellung des unmittelbaren „,schizophrenen Ausdruckes“. In der Erforschung der „,Bildnerei der Geisteskranken“ sucht er nach einer „,echten“ und „,ursprünglichen“ Kunst und entwirft das Modell des autonomen „,Geisteskrankenbildners“, dessen Inspiration und Ausdruck durch die Schizophrenie genährt werden, losgelöst und unbeeinflusst von gesellschaftlicher und kultureller Indoktrination. Krankheit wird von Prinzhorn nicht in Frage gestellt, sondern zur künstlerischen Voraussetzung. „,Sie wissen nicht, was sie tun“ 6), ist seine Prämisse, die ihm den Weg zur anderen Form des Kunstschaffens jenseits des akademischen Kunstbetriebes – für Prinzhorn „,intellektuelle Ersatzkonstruktionen“ 7) – ebnen soll. Analog zur Differenzierung der zu Grunde liegenden Seelenzustände „,Inspiration“ versus „,schizophrenem Weltgefühl“ zieht er eine Unterscheidung zwischen „,Kunst“ und „,Bildnerei der Geisteskranken“.8)

Anders der Psychiater Walter Morgenthaler an der Irrenanstalt Waldau bei Bern, der ein Jahr zuvor 1921 seine Publikation zu Adolf Wölfli explizit mit „,Ein Geisteskranker als Künstler“ überschreibt. Er verhilft Wölfli noch zu Lebzeiten in der Stadt Bern zur ersten Ausstellung und ermöglicht ihm hinter den Anstaltsmauern mit der „,Brotkunst“ einen gewissen Kunsthandel, der bereits 1919 eigens Bestimmungen des Psychiaters benötigt. Innerhalb von nur zwei Jahren hat Wölfli bis 1921 rund 400 Zeichnungen an Ärzte, Angestellte und Besucher verkauft oder verschenkt. Er erhält sogar Kunstaufträge seitens der Anstaltsleitung und „,verlangt, seine Zelle soll als Museum eingerichtet werden, nicht für Patienten“.9) Leo Navratil legt sechzig Jahre später den Grundstein für Wölflis Idee, als er 1981 im Landeskrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Maria Gugging das Haus der Künstler eröffnet, zunächst Zentrum für Kunst-Psychotherapie genannt. Seit den 1960er Jahren hat er zu „,Schizophrenie und Kunst“ publiziert und den Begriff einer „,zustandsgebundenen Kunst“ geprägt. Schon 1973 schreibt Navratil den wegweisenden Satz, „,Ich bin zwar der Meinung, dass jedes psychiatrische Krankenhaus ein Kunstzentrum sein könnte, aber vorläufig sind Editionen dieser Art doch noch selten“.10) Mit der Auflösung des Landeskrankenhauses Gugging im Jahr 2007 bleibt auf dem Gelände das Art Brut Center Gugging mit Atelier, Galerie und Museum bestehen.

Doch zurück zur Avantgarde Anfang des 20. Jahrhunderts ist es schließlich Prinzhorns Buch mit seinen zahlreichen Abbildungen, das in Künstlerkreisen kursiert und von Max Ernst nach Paris gebracht, von den surrealistischen Künstlerkollegen begeistert aufgenommen wird. Für die Surrealisten ist es eine Spiegelung der von ihnen gesuchten „,écriture automatique“.11) Parallel dazu sucht Alfred Kubin in den Werken der „,Geisteskranken“ einen Spiegel seines Mythos vom Schaffen aus dem Unbewussten. Dem Grenzgänger sind psychische Krisen vertraut und er bezeichnet sich gern als „,Geistertänzer“, umgaukelt von einem „,Heer verruchter Geister“.12) Geführt vom Klinikleiter Karl Wilmanns besichtigt Kubin im September 1920 die „,Sammlung der Kunst der Irren“ in Heidelberg und publiziert seine Eindrücke 1922 im Kunstblatt, pünktlich zur Herausgabe von Prinzhorns Buch.13) Es überrascht nicht, dass auch Kubin sich besonders Bühlers Arbeiten nahe fühlt und beim Bildertausch mit Prinzhorn vier Blätter von ihm erhält. 14)

Ebenfalls vom Buch Prinzhorns beeinflusst, greift der französische Künstler Jean Dubuffet dessen Sehn-Suche nach einer „,ursprünglichen“ Kunst nach Ende des Zweiten Weltkrieges wieder auf und kreiert im Zuge seines Sammelns 1945 den Kunstterminus Art Brut. Die von ihm postulierte unverbildete, „,antikulturelle Kunst“ wird ihm Wegweiser aus seiner eigenen Schaffenskrise. Ob Kirchner, Kubin, Ernst und Dubuffet oder Picasso, Joseph Beuys und Roman Signer, von der bedeutenden Sammlung Arnulf Rainers ganz zu schweigen, immer sind es die progressiven Künstler, Vertreter einer Avantgarde, die sich hingezogen fühlen zur nicht akademischen Kunst. Ohne die überlieferten Fotografien und Berichte über die beweglichen Objekte des Heinrich Anton Müller aus der schweizerischen Heil- und Pflegeanstalt Münsingen, wäre die Maschinenkunst Jean Tinguelys nicht denkbar.15)

Diesem nonkonformistischen Moment, welches der Art Brut innewohnt, ist wohl das erneute verstärkte Interesse des zeitgenössischen Kunstbetriebes an Outsider Art geschuldet. International bedeutende Kunst-Events und angesehene Museen für zeitgenössische Kunst weisen in den vergangenen Jahren vermehrt einen Einbezug von Outsider Art in ihrem Programm auf. Hervorzuheben sind hier die Ausstellungen „,Weltenwandler“ in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt 2010/11, die Reihe „,Secret Universe“ im Hamburger Bahnhof in Berlin 2011–2013, die documenta 13, 2012 in Kassel, bis hin zur Ausstellung „,Im Schatten der Avantgarde. Rousseau und die vergessenen Meister“ im Museum Folkwang in Essen 2015/16, oder „,Glossolalia: Languages of Drawing“ im MoMA, New York, 2008, und außerdem die Ausstellungen des euward, the Award for Painting and Graphic Arts in the Context of Mental Disability, die in der Zeit Chris Dercons bis 2011 wiederholt im Haus der Kunst in München zu sehen waren. Als Wendepunkt gilt das Ausstellungsprojekt „,Palazzo Enciclopedico“ des Kurators Massimiliano Gioni zur Biennale in Venedig 2013, das Outsider Art nicht nur einbezog, sondern in den Vordergrund rückte. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass bereits Harald Szeemann 1972 mit der documenta 5 und der dortigen Präsentation Adolf Wölflis diese Bewegung angestoßen hat und Outsider-Positionen in seine diversen Ausstellungsprojekte und Publikationen aufnahm. Erinnert sei ferner an die Ausstellung mit Werken der Sammlung Prinzhorn zum hundertjährigen Jubiläum der Biennale in Venedig 1995 unter dem Titel „,Identità e Alterità – Figure del corpo 1895/1995“.

Kopfreisen

Die künstlerische Avantgarde Anfang des 20. Jahrhunderts ist geprägt von der Auseinandersetzung mit psychischen Empfindungen, mit dem Unbewussten und den Einflüssen der Psychoanalyse. Egon Schieles OEuvre reflektiert par excellence im Kreis der Wiener Künstler die Fragilität des Seins. Mit ihrer Sammlung von Art Brut/Outsider Art und einem herausragenden Schwerpunkt auf die ‚Wiener‘ Art Brut-Künstler aus Gugging führt Hannah Rieger das Erbe ihres Großonkels auf einer neuen Ebene fort. So erlauben ihre Weltenreisen zudem den Aspekt einer Anknüpfung an verlorene Bindungen. Denn ist sie in ihrem Sammeln auch nicht auf Kunst aus psychiatrischem Kontext fixiert, ist doch die Gratwanderung divergenter Seinszustände in der Outsider Art spürbar. Für die „,Gesundheit meiner Seele“ dient ihr das Leben in Art Brut, bekennt sie offen.16) Auch Prinzhorn und Dubuffet wenden sich am Wendepunkt nach den großen Katastrophen beider Weltkriege des 20. Jahrhunderts dieser ‚anderen‘ Kunst zu, als suchten sie hinter Anstaltsmauern ihr Kulturheil in nicht nur „,unbeeinflussten“, sondern ‚unschuldigen‘ Kunstwelten.

Daniel Baumann beschreibt das Werk Adolf Wölflis als das eines „,Armchair Travellers“. Seine fiktiven Reisen rund um die Welt, in denen sich der Autor neu erfindet und zum Helden der „,Skt. Adolf-Riesen-Schöpfung“ avanciert, finden im Kopf statt, gefüttert von Atlanten, Büchern und Zeitschriften. Er erfindet sich seine Welt nicht einfach, sondern setzt sie sich aus Versatzstücken der Welt, von der er ausgeschlossen ist, zusammen. Weltenreisen der Outsider Art sind Kopfreisen – die der Kunstschaffenden und zugleich die der anteilnehmenden RezipientInnen, ‚gefüttert‘ von der Kunst, dem Werk.

Sein Verständnis der „,zustandsgebundenen Kunst“ erläutert Leo Navratil seinerzeit daher nicht allein in Bezug auf psychotische Menschen, sondern er spricht gleichermaßen von der „,Zustandsgebundenheit der Kunst nicht-psychotischer Berufskünstler“, ja er behauptet, „,dass sogar die Rezeption von Kunst durch das Publikum einen Zustand veränderten Bewusstseins erfordert, mit anderen Worten, ohne affektive Beteiligung nicht möglich ist“.17) In diesem nach Navratil veränderten Bewusstseinszustand, in den sich ebenfalls Hannah Rieger als Rezipientin begibt, entsteht die spezifische Nähe zwischen der Sammlerin und ihrer Sammlung, welche die Exklusivität ihres „,Lebens in Art Brut“ definiert. Ob physische Weltreisen an die Orte der Outsider Art oder Weltenreisen als affektive Teilnahme an den Kopfreisen der Art Brut-KünstlerInnen: Hannah Rieger reist immer mit der Kunst – von Gugging bis Chandigarh – rund um die Welt.

 

Anmerkungen

  1. Marga Rieger und ihre Künstlerinnen: Jasmin Wolfram zu Gast bei Marga Rieger, in: Hannah Rieger (Hg.), Kunst, die verbindet, Wien 2014, S. 45-47.
  2. Hannah Rieger und ihre ver-rückte Passion: Jasmin Wolfram im Gespräch mit Hannah Rieger, in: Hannah Rieger (Hg.), Kunst, die verbindet, Wien 2014, ebd., S. 17-42, hier: S. 20.
  3. Zit. n. Thomas Röske, „,Ist das nicht doch recht pathologisch?“ – Kirchner und das „,Kranke“ in der Kunst, in: Expressionismus und Wahnsinn, Ausstellungskatalog Schloß Gottorf, Schleswig, München et al. 2003, S. 156-169, hier: S. 157.
  4. Franz K. Bühler, geb. 28.8.1864, von den Nazis ermordet am 5.3.1940 in der Tötungsanstalt Grafeneck.
  5. Hans Prinzhorn, Bildnerei der Geisteskranken. Ein Beitrag zur Psychologie und Psychopathologie der Gestaltung, 1922, 4. Aufl., Wien/New York 1994, S. 286. Vgl. Monika Jagfeld, Geistertänzer. Franz Karl Bühler – Ein „,Geisteskranker“ als Expressionist?, in: Expressionismus und Wahnsinn, 2003, wie Anm. 3, S. 88-99.
  6. Hans Prinzhorn (1922), 1994, ebd., S. 343.
  7. Hans Prinzhorn (1922), 1994, ebd., S. 348.
  8. Hans Prinzhorn (1922), 1994, ebd., S. 3 u. 342.
  9. Krankenakte Adolf Wölfli der Irrenanstalt Waldau, Eintrag vom 24.11.1921, zit. n. Walter Morgenthaler, Ein Geisteskranker als Künstler. Adolf Wölfli, 1921, Anhang: Krankengeschichte, Wien 1985, S. 142.
  10. Leo Navratil, Die Künstler aus Gugging. Zustandsgebundene Kunst, Wien/Berlin 1983, S. 31.
  11. Vgl. Thomas Röske/Ingrid von Beyme (Hg.), Surrealismus und Wahnsinn/Surrealism and Madness, Ausstellungskatalog Sammlung Prinzhorn, Heidelberg 2009.
  12. Eintrag Gästebuch Koeppel, 1922, zit. n. Peter Assmann, Alfred Kubin (1877-1959). Mit einem Werkverzeichnis des Bestandes im Oberösterreichischen Landesmuseum Linz, Buch zur Ausstellung, Linz 1995 (= Kubin-Projekt 1995, Bd. 1), S. 108. Siehe auch Alfred Kubin, Die andere Seite. Ein phantastischer Roman, 1909, Leipzig 1984.
  13. Alfred Kubin, Die Kunst der Irren, in: Das Kunstblatt 6, 1922, H. 5, 185-188, Reprint in: Alfred Kubin, Aus meiner Werkstatt. Gesammelte Prosa mit 71 Abbildungen, hg. von Ulrich Riemerschmidt, München 1976, S. 13-17.
  14. Vgl. Bettina Brand-Claussen, „,...lassen sich neben den besten Expressionisten sehen“. Alfred Kubin, WahnsinnsBlätter und die „,Kunst der Irren“, in: Expressionismus und Wahnsinn, 2003, wie Anm. 3, S. 136-155, hier: S. 154-155.
  15. Vgl. Monika Jagfeld, Maschinenträume. Anarchistische Konstruktionen der Ewigkeit bei Heinrich Anton Müller und Jean Tinguely, in: Ingrid von Beyme/Thomas Röske (Hg.), ungesehen und unerhört. Künstler reagieren auf die Sammlung Prinzhorn, Bd. 1, Bildende Kunst/Film/Video, Heidelberg 2013, S. 120-125.
  16. Hannah Rieger, 2014, wie Anm. 2, S. 20.
  17. Leo Navratil, 1983, wie Anm. 10, S. 21.

 

Monika Jagfeld

Monika Jagfeld wurde 1964 in Herne/NRW, Deutschland, geboren und ist in der Nähe von Köln aufgewachsen. Ihr Studium der Kunstgeschichte, Psychologie und Christlichen Archäologie hat sie mit der Magisterarbeit „,Internationale Ausstellung ,Frauen in Not’, Berlin 1931 – Eine Rekonstruktion“ abgeschlossen und mit einer Dissertation über „,Outside in – Zeitgeschehen in Werken der Sammlung Prinzhorn am Beispiel Rudolf Heinrichshofen“ promoviert (Dr. phil., M.A.). Darüber hinaus absolvierte sie einen Weiterbildungsstudiengang Kulturmanagement. 1994 bis 2007 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg. 2006 bis 2007 war sie ausserdem Co-Leiterin des Museums Charlotte Zander, Schloss Bönnigheim, Deutschland, das auf klassische internationale Naive Kunst und Art Brut spezialisiert ist. Seit 2008 leitet sie das Museum im Lagerhaus, Stiftung für schweizerische Naive Kunst und Art Brut in St. Gallen, Schweiz. Monika Jagfeld hat eine Vielzahl von Ausstellungen über Art Brut kuratiert und ist Autorin einschlägiger Publikationen zu Art Brut. Darüber hinaus war sie Jurymitglied von INSITA, Internationale Triennale für Self-Taught Art, Bratislava, und ist Kuratoriumsmitglied des euward, the Award for Painting and Graphic Arts in the Context of Mental Disability, München, und Vorstandsmitglied der European Outsider Art Association (EOA).