Hannah Rieger, Heidemarie Dobner

Einleitung

Unser Buch ist Ausdruck eines tiefen und anhaltenden Respekts gegenüber Art Brut. Diese besondere Kunst wird immer mehr zu einem Spiegel der dramatischen Entwicklungen in der Welt von heute. Die 19 Künstlerinnen und 43 Künstler stehen daher im Mittelpunkt dieser Publikation.

Zuallererst danken wir den präsentierten Künstlerinnen und Künstlern, die sich in unserem Katalog finden, und zwar im Abbildungsteil mit genau 123 Werken und im Rahmen der Texte:

Paul Amar, Perihan Arpacilar, Josef Bachler, Laila Bachtiar, Beverly Baker, Pearl Blauvelt, Thérèse Bonnelalbay, Ida Buchmann, Raimundo Camilo, Nek Chand, Kashinath Chawan, Anton Dobay, Guo Fengyi, Jaime Fernandes, Leonhard Fink, Alois Fischbach, Johann Fischer, Franz Gableck, Jill Gallieni, Johann Garber, Giordano Gelli, Madge Gill, Paul Goesch, Martha Grunenwaldt, Hassan (Ousseynou Gassama), Johann Hauser, Margarethe Held, Ernst Herbeck, Magali Herrera, Josef Hofer, Gertrude Hozatko-Mediz, Aurel Iselstöger, Franz Kamlander, Peter Kapeller, Nina Karasek, Franz Kernbeis, Fritz Koller, Davood Koochaki, Johann Korec, Julia Krause-Harder, Pradeep Kumar, Dwight Mackintosh, Dan Miller, Donald Mitchell, Michel Nedjar, Marilena Pelosi, Otto Prinz, Heinrich Reisenbauer, André Robillard, Karoline Rosskopf, Yuichi Saito, Arnold Schmidt, Philipp Schöpke, Günther Schützenhöfer, Mary T. Smith, Oswald Tschirtner, Karl Vondal, August Walla, Scottie Wilson, Josef Wittlich, Agatha Wojciechowsky und Carlo Zinelli.

„Living in Art Brut. 123 Works from the Hannah Rieger Collection“ ist auch der Titel einer gleichnamigen Ausstellung im museumkrems auf Initiative von Heidemarie Dobner, Intendantin der Denkwerkstatt GLOBART und in Kooperation mit GLOBART.

Die Kuratorin, Monika Jagfeld, Direktorin des Museum im Lagerhaus, Stiftung für schweizerische Naive Kunst und Art Brut in St. Gallen, beschreibt in ihrem Beitrag „,Von Gugging bis Chandigarh“ das Sammeln von Hannah Rieger als Weltenreisen, als Reisen in unterschiedlichste Lebenswelten, Ideenwelten und Kunstwelten. Ausgangspunkt der Sammlerin ist das Haus der Künstler in Gugging. Demzufolge skizziert der Aufsatz einen kunsthistorischen Einblick der Entwicklung von Art Brut im psychiatrischen Kontext.

Johann Feilacher, künstlerischer Leiter im museum gugging, gibt in seinem Artikel „,Das Modell Gugging“, einen Überblick, wie sich dieses weltweit einmalige Art Brut Center – mit dem Haus der Künstler, dem Museum, der Galerie und dem Atelier – zeitgerecht in der internationalen Kunst positioniert. Nicht zuletzt bildet Kunst aus Gugging nach wie vor den Kern der Art Brut-Sammlung Hannah Rieger.

Art Brut ist grundsätzlich interdisziplinär ausgerichtet, da sie unterschiedliche Perspektiven – psychiatrische bis geisteswissenschaftliche – verbindet. Dass sie auch in der Philosophie von Interesse ist, zeigt Arno Böhler in seinem Beitrag „,Art Brut: Die philosophische Perspektive“. Hier stehen die richtungsweisenden Aussagen eines der wichtigsten Philosophen unserer Zeit, Gilles Deleuze, im Zentrum.

„Leben in Art Brut“ ist zur Marke für die Sammlung Hannah Rieger geworden. In dem gleichnamigen Essay wird deutlich, wie Art Brut immer mehr die Identität der Sammlerin bestimmt. Zunächst war es ausschließlich Kunst aus Gugging, mit dem dieses Projekt der Leidenschaft 1980 begonnen hat. Zu einer Zeit, als noch der legendäre und vorausblickende Primar Leo Navratil, Gründer dieser Künstlergemeinschaft, aktiv war. Ihn hier zu ehren, ist auch uns ein großes Anliegen.

Besonders erfreulich ist es, dass Christine Macel auf der diesjährigen 57. Biennale in Venedig drei Art Brut-Künstler präsentiert. Wir sind stolz, dass sich einer davon, Dan Miller, vom Creative Growth Art Center in Kalifornien, auch in unserem Buch findet.

Wenngleich Art Brut also immer wieder in den Fokus der internationalen Kunstöffentlichkeit rückt, hat sie noch immer nicht den Stellenwert, den sie aus unserer Sicht verdient. Noch immer ist es keine Selbstverständlichkeit, Art Brut in der Welt der akademischen Kunst – bei den Museumsdirektoren, Kunsthistorikern, Galeristen, Schätzmeistern in Auktionshäusern oder Kuratoren – einen gleichberechtigten Platz zuzugestehen. „,Art Brut hat es immer gegeben, es ist nur nicht beachtet worden.“ Das sagt Arnulf Rainer, einer der renommiertesten österreichischen Künstler und vermutlich größter Art Brut-Sammler unseres Landes.

Zugegeben: Seit ein paar Jahren rückt Art Brut punktuell immer wieder in den Blickpunkt. Die einen sprechen dabei von einem Hype, die anderen von einem kontinuierlichen Aufholprozess. Wir beobachten weltweit zwei Varianten, wie sich dieser Prozess der zunehmenden Aufmerksamkeit für Art Brut gestaltet. Erstens: Die Variante der Spezialisierung. Zweitens: Die Variante der Ergänzung.

Seit der Jahrtausendwende sind allein europaweit einige neue spezialisierte Art Brut- Museen entstanden, wie beispielsweise 2006 das museum gugging oder 2010 das Museum of Everything des Londonder Sammlers James Brett. Im gleichen Zeitraum hat in Frankreich 2010 das LaM – Lille Métropole, musée d’art moderne, d’art contemporain et d’art brut einen eigenen Anbau für Art Brut realisiert. In Amsterdam wurde ein auf fünf Jahre begrenztes Outsider Art Museum eröffnet. Auch in manchen etablierten Museen finden sich hin und wieder spezielle Art Brut-Ausstellungen oder Art Brut- Werke, die gemeinsam mit zeitgenössischer Kunst ausgestellt werden.

In New York, Paris, Amsterdam, Köln, London gibt es beispielsweise Galerien, die ausschließlich mit Art Brut handeln. Und gleichzeitig existieren in genau diesen Städten zeitgenössische Galerien, die zunehmend Art Brut-Künstler vertreten. Ein analoges Bild zeigt sich bei den großen Kunstmessen der Welt: Die Outsider Art Fair in New York und Paris auf der einen Seite und jene Messen, die immer wieder auch Art Brut zeigen, wie beispielsweise die Art Basel. Im Sekundärmarkt scheint sich allmählich ein ähnlicher Trend herauszubilden. Auch bei den Sammlungen treffen wir auf eine vergleichbare Situation: Immer mehr große und kleine spezialisierte Art Brut-Sammlungen werden öffentlich, von den USA, über Europa bis Australien. Und parallel dazu werden über Ausstellungen und Leihgaben zeitgenössische Sammlungen sichtbar, die bedeutende Art Brut-Schwerpunkte aufweisen.

All diese Ereignisse dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gleichstellung der Art Brut-Künstlerinnen und -Künstler noch immer großer Anstrengungen bedarf. Genau daran und an der zunehmenden öffentlichen Beachtung von Art Brut als besondere Kunst arbeiten wir schon länger zusammen, konzeptiv und operativ.

Art Brut-Künstlerinnen und -Künstler – in der Regel Autodidakten, die stets ihren „,individuellen Mythologien“ (Harald Szeemann) mittels eigenständiger Formensprachen jenseits von Kunst- und Kulturtrends Ausdruck verleihen – brauchen immer noch Wegbereiter, die Initiativen setzen, seien sie spezialisiert oder ergänzend integrativ.

Demnach haben Art Brut-Ausstellungen im Rahmen von GLOBART eine gewisse Tradition. 2009 kuratierte die Geschäftsführerin der galerie gugging, Nina Katschnig, „,Hannah Rieger – gesammelte Kunst aus Gugging“, damals noch im Kloster Pernegg in Niederösterreich. Konzipiert von Johann Feilacher folgte die Ausstellung „,ars-publica“, ein Diskurs zwischen Gugginger und zeitgenössischen KünstlerInnen. 2010 stellten wir „,40 Jahre Kunst aus Gugging in der Sammlung Otto Mauer“ aus. 2011 gelang es, „,Internationale Kunst aus der Sammlung Infeld“ zu präsentieren. Der 2017 mit einer Einzelausstellung in der Albertina gewürdigte Künstler Eduard Angeli zeigte 2012 die „,Sammlung Eduard Angeli – Art Brut aus Istanbul“. Angeregt durch seinen Freund Leo Navratil, arbeitete er mit Patientinnen und Patienten eines psychiatrischen Krankenhauses in Istanbul. 2013 folgte eine Einzelausstellung des österreichischen Art Brut-Künstlers Josef Hofer, der auch in unserem Buch vertreten ist.

Verbunden mit dieser GLOBART-Ausstellungstätigkeit war ein kontinuierlicher und langjähriger Dialog über Art Brut der beiden Herausgeberinnen dieses Katalogs. Die diesjährige Ausstellung „,Living in Art Brut“ gibt wichtige künstlerische Impulse zum Thema der GLOBART Academy 2017, „,Ordnung und Unordnung“. Zeigt uns doch die Art Brut, dass es in unserer Welt nicht ein einziges „,normales“ Ordnungsprinzip gibt, sondern dass gerade „,Unordnungen“ in einem sich transformierenden Gesellschaftssystem wesentlich sind. Möge die Begegnung mit den hier gezeigten Art Brut-Werken der Sammlung Hannah Rieger einen lebendigen und intensiven Diskurs entfachen.

Unser Katalogbuch ist zusammen mit der Ausstellung Resultat eines vielfältigen Kooperationsprojekts zwischen GLOBART, dessen Förderern, dem museumkrems, den privaten Sponsoren Martin Lenikus und Werner Wutscher, der Kuratorin der gleichnamigen Ausstellung, Monika Jagfeld, den Autoren, den Fotografen, den Übersetzern, den Grafikern und der Sammlerin. Ihnen gilt unser besonderer Dank.

An unserem Buch haben darüber hinaus viele Personen mitgewirkt bzw. es direkt oder indirekt unterstützt. Wir danken daher ganz herzlich:

Dieter Achter, Ferdinand Altnöder, Nina Ansperger-Vogt, Alexandra Bachtiar, Sonja Bankl, Pippa Belcredi, Arno Böhler, Christian Berst, Dagmar Chobot, Christiane Cuticchio, Gerhard Dammann, Karin Dammann, Renate Danler, Nicole Delmes, Anthony DePasquale, Thomas Eder, Nico van der Endt, Johann Feilacher, Elisabeth Fink, Gaëla Fernández, Ulrike Gamm, Ortrun Gauper, Susanne Valerie Granzer, Veronika Grubmann, Gerti Hacker, Regina M. Jankowitsch, Olivia Kaiser, Alexandra Kontriner, Nikolaus Köhler, Karin Köllö, Nina Katschnig, Nicoleta Klimek, Marion Koller, Uta Feyl Krumholz, Trisha Kovacic-Young, Otto Lambauer, Michael Landau, Dieter F. Lange, Laura Latanza, Bozo Lazarević, John Maizels, Maurizio Maier, Tom di Maria, Wolf Maritsch, Eve Medioni, Eric Moinat, Elena Ostleitner, Fabian Patzak, Norbert Pauser, Janine Prader, Monika Perzl, Marga Rieger (†), Claudia Röschl, Renate Sager, Tine Salis-Samaden, Franz-Xaver Schlegel, Claudia Schmied, Günter Schönberger, Franz Schönfellner, Christel Schüppenhauer, Wilfried Stadler, Godehard Stadtmüller, Kurt Steinke, Christoph J. Tamussino, Gerhild Tanew, Elisabeth Telsnig, Cynthia Thumm, Matthias Varga von Kibéd, James Wall, Mirko Wittwar, Jasmin Wolfram, Gabriele Wolfrum, Tenzin Yangchen, Susanne Zander und Teresa Maier-Zötl.

Wien, im Juli 2017

 

Hannah Rieger

Hannah Rieger wurde 1957 in Wien geboren. Ihre Eltern mit katholischen und jüdischen Wurzeln hatten davor beinahe zwanzig Jahre in der englischen Emigration gelebt. An der Universität Wien absolvierte sie ein Studium der Wirtschaftswissenschaften (Mag. rer. soc. oec.). Am Institut für Höhere Studien in Wien hat sie ein zweijähriges Post Graduate Studium in Ökonomie abgeschlossen. Nach einer kurzen Assistenten-Zeit an der Universität Wien, war sie zwischen 1983 und 2010 in unterschiedlichen Funktionen in der Spezialbanken-Gruppe Investkredit tätig, u.a. als Direktorin für Kommunikation und Marketing. Seit vielen Jahren arbeitet sie als Beraterin für berufliche Entwicklung in freier Praxis (Gruppendynamik-Trainerin im Österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik/ÖAGG und Supervisorin und Coach im ÖAGG und in der Österreichischen Vereinigung für Supervision und Coaching/ÖVS). Weiters ist sie Autorin und Herausgeberin von Fachbüchern beispielsweise über Unternehmensförderungen und Familienunternehmen. 2014 hat sie ihre erste Art Brut-Publikation 'Kunst, die verbindet' im AQ-Verlag, Wien, herausgegeben. 2017 folgte der Globart-Buchkatalog 'Living in Art Brut.123 works from the Hannah Rieger Collection'. Darüber hinaus ist sie als Vortragende und Moderatorin, auch zu Kunstthemen, aktiv. Seit 2008 ist sie Mitglied und seit 2013 stellvertetende Vorsitzende des Universitätsrats an der Angewandten, Wien. 2011 wurde sie zur Ehrensenatorin von GLOBART ernannt. Hannah Rieger sammelt seit 1991 Art Brut.

Heidemarie Dobner

Heidemarie Dobner wurde 1956 in Melk an der Donau in Niederösterreich geboren. Nach der Matura in einer Handelsakademie begann sie ihre berufliche Tätigkeit im Raiffeisensektor. Die Mutter von 3 Kindern fand 1997 ihren Wiedereinstieg als Managerin der Österreichischen Kammersymphoniker. Weitere Musik- und Kulturprojekte folgten. 2000 startete sie ihre Karriere in der NGO GLOBART in unterschiedlichen Funktionen: Als Geschäftsführerin wirkte sie von 2000 bis 2016. Seit 2005 arbeitet sie als Vorstandsmitglied des Vereins Kunst & Kultur, Geras, Pernegg, Waldviertel. Von 2005 bis 2016 war sie Generalsekretärin dieses Vereins. Seit 2016 ist sie Intendantin und damit verantwortlich für das Veranstaltungs- Programm von GLOBART. Seit 2009 ist sie Mitglied des Vorstands der GLOBART Privatstiftung und seit 2017 deren Vorsitzende. Ihre Verdienste für die österreichische Kunst und Kultur und die damit verbundenen publizistischen Aktivitäten wurden 2010 mit dem Berufstitel „,Professor“ gewürdigt.