Das Konzept 'Leben in Art Brut'

Leben „,in“ Art Brut bedeutet für mich viel mehr als Leben „,mit“ Art Brut. Schon Goethe hat in einem berühmt gewordenen Brief über seine Beschäftigung mit dem griechischen Dichter Pindar geschrieben: „,Ich wohne jetzt in Pindar“.

Leben in Art Brut steht dafür, dass ich mein Leben und Arbeiten zunehmend innerhalb dieser Welt von Kunst gestalte und damit auch die KlientInnen meiner Coaching-Praxis mit Art Brut konfrontiere. Dass Art Brut meine ganze Identität formt und ich immer mehr Zeit in das Projekt investiere. Das bedeutet vor allem reisen, reden, publizieren, lesen. Art Brut ist Teil meiner Persönlichkeit geworden. Der Farben- und Formenreichtum der wunderbaren Werke bringen Freude, Vielfalt und Kontinuität in meine Welt. Immer, immer wieder und jeden Tag von Neuem..

Meine Kunstsammlung dient mir als „,Mikrospiegel“, der sich auf mich als Person bezieht. Wenn ich mich traue, hineinzuschauen, zeigt er mir unterschiedliche Dimensionen der Reflexionen meines Art Brut-Projekts und damit meines Lebens. Durch diese Haltung spüre ich vermehrt die Qualität des „,Seins“ im Unterschied zum „,Haben“ nach Erich Fromm. Sammeln als Konzept ist damit für mich näher bei der Vorstellung von Investitionen in ein gelingendes Leben. Und weiter entfernt von Begriffen wie Konsum oder Vermögensveranlagungen.

Wie alles begann

Die Beschäftigung mit Art Brut hat sich bei mir vor 27 Jahren in kürzester Zeit ihren Raum genommen. Das Sammeln von Art Brut und innerhalb dieser Kunst zu leben, ist mein großes Projekt der Leidenschaft geworden. Natürlich ist damit auf einer oberflächlichen Ebene auch Maßlosigkeit verbunden. Das „,immer mehr“ ist ein Thema geblieben. Ich habe stets einige Bilder irgendwo in der Welt auf meiner „,inneren Einkaufsliste“, die ich gerne hätte. Begrenzte finanzielle Ressourcen zeigen damit das Suchtpotential, das mit dem Sammeln einhergeht. In meiner Wirklichkeit geht es darum, wie meine Sammlung zu meiner Identität und persönlichen Entwicklung beiträgt..

Art Brut hat mich nach dem Motto „,how we discover our lives through our passions“ auch zu beruflichen Kunst-Projekten gebracht, wie etwa von 2008 bis 2018 in den Universitätsrat an der Angewandten, Wien. Oder für einige Jahre zur Betreuung der Kunstsammlung einer Banken-Gruppe. In beiden Beispielen war mir die Anbindung an die zeitgenössische Kunst wichtig, da es sich bei meiner Sammlung um ein Projekt in einer speziellen Nische der Kunst handelt.
Durch meinen Zugang zu Art Brut beziehe ich das Thema „,Außenseiter“, das mich schon immer und historisch begleitet, in meine Existenz mit ein. Natürlich geht es bei Art Brut geradezu ausschließlich um die Qualität der Kunst. Ich verwende auch den Begriff „,outsider art“ ungern. Trotzdem kann ich die Außenseiter-Thematik nicht ignorieren. Denn einerseits zeigt mir die im Zuge internationaler Ausstellungen derzeit häufigere Neukontextualisierung der Lebensgeschichten dieser wunderbaren Künstlerinnen und Künstler, immer deutlicher die Zusammenhänge zwischen deren individuellen Mythologien und seelischen Brüchen. Andererseits sehe ich in den Brüchen meiner eigenen Biografie letztlich den tieferen Grund, warum ich mich auf Art Brut eingelassen habe.

Meine Familiengeschichte

Das Sammeln von Art Brut hat vermutlich etwas mit einem selbst zu tun. Bei mir ist es meine Familiengeschichte im Holocaust. Der Bruder meines Großvaters, mein Großonkel, war Heinrich Rieger, ein jüdischer Zahnarzt, der im Wien der Zwischenkriegszeit eine Kunstsammlung u.a. mit Arbeiten von Egon Schiele aufgebaut hat. Er wurde 1942 in Theresienstadt ermordet und viele Werke sind unauffindbar geblieben..

Sein Schicksal ist ein Motiv für mich, meine Sammlung zu dokumentieren und öffentlich zu machen. Der tiefere Aspekt betrifft die Tatsache, dass ich zur „,zweiten Generation“ zähle. Und da ehre ich wohl mit meiner Sammlung nicht nur die Art Brut-Künstlerinnen und -Künstler in ihrer jeweiligen Schicksalhaftigkeit, sondern symbolisch auch Personen aus meiner Familie, die eine der dunkelsten Perioden unserer Geschichte nicht überlebt haben..

Meine Offenheit für Begegnungen mit Menschen, die am Rand leben, und mein Bemühen um Verbindungen zwischen verschiedenen Welten resultiert aus dem Anders-Sein, aus den Erfahrungen der Ausgrenzung, der Brüche. Der Reichtum der Art Brut-Werke hat es mir möglich gemacht, mich von den Belastungen der Vergangenheit zu emanzipieren und Halt und Orientierung in einer Gegenwart der permanenten Verwandlung zu finden.