Johann Feilacher

Das Modell Gugging

Maria Gugging ist ein Ort unweit von Klosterneuburg, in dem sich seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts ein Zentrum für die Art Brut entwickelte. Mehr Vertreter der unbeeinflussten Kunst leben und arbeiten hier als an jedem anderen Ort der Welt.

In den 1950er Jahren arbeitete der Psychiater Leo Navratil in der Heil- und Pflegeanstalt Gugging. Er lernte den Mensch-Zeichen Test kennen und führte diesen in Gugging auch aus Rationalitätsgründen ein. Interessante, kreative Zeichnungen, die er vereinzelt unter den tausenden Bildwerken fand, brachten ihn dazu, die Geschichte von Kunst und Psychiatrie zu recherchieren, und 1965 publizierte er „,Schizophrenie und Kunst“ bei DTV. Ein kleines Buch, das wesentliche Bedeutung erlangte, da es Ausgangspunkt für einen Prozess wurde, der bereits in den 1920er Jahren nach der Publikation von „,Bildnerei der Geisteskranken“ durch Hans Prinzhorn ausgelöst worden war. Künstler waren die ersten Sammler von Werken der talentierten Gugginger, wie etwa Arnulf Rainer, der in einer damals wichtigen Ausstellung seine Sammlung 1969 in der Wiener Sezession zeigte. Erstmals tauchten Namen wie Oswald Tschirtner, Johann Hauser oder August Walla in der Kunstgeschichte auf.

1970 fand die erste Ausstellung Künstler aus Gugging in der Galerie nächst St. Stephan in Wien statt. Der theoretische Diskurs um Kunst von Menschen mit psychischen Erkrankungen oder noch allgemeiner, von Menschen, denen die bewusste Kunstproduktion abhold ist, nahm breiten Raum ein.

Leo Navratil begann für seine talentierten Patienten eine bessere soziale Wirklichkeit zu schaffen, aber es dauerte weitere zehn Jahre; erst 1981 wurde das „,Zentrum für Kunst und Psychotherapie“ in einem eigenen Gebäude eröffnet. Die Werke einzelner „,Künstler-Patienten“ (Navratil) wurden bereits in bekannten Häusern der Kunst präsentiert. Navratil stellte die Werke in einigen Galerien und Museen aus, versuchte aber immer die Bilder auf ihren Krankheitswert zu analysieren. Er kam zu dem Schluss, dass die Kunst psychisch kranker Menschen im Wesentlichen durch die Erkrankung bestimmt wäre und auch der künstlerische Wert daraus entstehe. Er schuf den Begriff der „,Zustandsgebundenen Kunst“. Er verkaufte die Werke seiner Klienten zu deren Gunsten, weil er der Meinung war, dass diese Leistung auch honoriert werden solle.

1983 kam ich auf Wunsch Navratils nach Gugging unter anderem mit dem Ziel, später seine Nachfolge anzutreten. Meine erste Arbeit war dabei die Ausstellungsvorbereitung einer großen Ausstellung im Museum des 20. Jahrhunderts in Wien. 1986 ging Navratil in Pension und ich durfte die Leitung des Zentrums übernehmen.

Mein erster Schritt war die Umbenennung des „,Zentrums für Kunst und Psychotherapie“ in „,Haus der Künstler“. Navratil hatte vorher schon davon gesprochen, war aber nicht bereit gewesen, diesen offiziellen Schritt zu tun. In dieser Namensänderung spiegelte sich aber auch meine Gesinnung. Mich hatte immer das Talent des einzelnen Künstlers interessiert und nicht seine Diagnose. Ich war begeistert von der künstlerischen Potenz der Bewohner des Hauses und hatte das Ziel, ihnen dieselben Chancen zu bieten, die alle Künstler haben. Ich wollte nicht nur in Einzelaktionen Werke verkaufen, sondern den Künstlern die Möglichkeiten aufbauen, in diesem Beruf anerkannt zu werden. Die Behinderungen oder Probleme wurden zur Privatsache der Künstler. Sie sind nicht zu leugnen, sondern nur Teil einer Lebensgeschichte, die nicht Mittelpunkt ihrer Kunst sein darf.

Zu den damaligen Künstlern zählten Johann Hauser, August Walla, Oswald Tschirtner, Philipp Schöpke, Franz Kernbeis, Johann Garber, Johann Fischer, Heinrich Reisenbauer, Arnold Schmidt, Franz Kamlander unter anderen und in den letzten Jahren kamen im Besonderen Günther Schützenhöfer und Karl Vondal hinzu. Heute sind es ferner Laila Bachtiar, Jürgen Tauscher, sowie Leonhard Fink und Helmut Hladisch.

Ich sah die Kunst der Gugginger wie Dubuffet, nämlich als ursprüngliche und eigenständige Kunst. Ich präsentierte daher ihre Werke auch gemeinsam mit jenen anderer zeitgenössischer Künstler in bedeutenden Ausstellungen im In- und Ausland. Die Künstler sollten nicht wie bis zu dieser Zeit Werke an Museen verschenken. Wenn ein Museum, wie das Setagaya Museum of Art in Tokio bereit ist, für ein Werk eine stattliche Summe auszugeben, dann bewies dies auch, dass der Künstler geschätzt wurde. Ausstellungen in den 1990er Jahren in der westlichen Welt brachten sowohl die Werke, als auch die Künstler als Personen in Museen und Galerien vieler Städte, von Malmö bis Helsinki, oder Philadelphia bis New York. Einige der Künstler hatten Spaß am Reisen wie etwa Johann Hauser, andere lehnten das ab, so Oswald Tschirtner, der am Liebsten zu Hause blieb.

Mit Unterstützung der Niederösterreichischen Landesregierung gründete unser Non- Profit-Verein „,Freunde des Hauses der Künstler in Gugging“ eine Sozialhilfeeinrichtung und das Haus schied aus dem Krankenhausverband aus. Unser Verein betreut seither das Haus der Künstler und seine Klienten. 1997 gründeten wir eine eigene Galerie, die im Besitz der Künstler aus Gugging ist. Diese Galerie vertritt ihre Künstler und verkauft ihre Werke, pflegt Kontakte zu anderen Galerien und Sammlern und organisiert weltweit Ausstellungen.

In den 1990er Jahren war kein Geld für die Idee eines eigenen Museums aufzutreiben, daher war ein Arbeitsprojekt mit Arbeitslosen die erste Möglichkeit, um mit dem Umbau eines leer stehenden Gebäudes zu beginnen. Es vergingen viereinhalb Jahre, bis in langsamer gemeinsamer Kleinarbeit die erste Etage des hundert Jahre lang von „,Hausarbeitern“ zerbauten Gebäudes − neu hergerichtet und dem neuen Zweck angepasst − eröffnet werden konnte. Alle Mitarbeitenden hatten sich dafür verausgabt und in allen Bereichen mitgeholfen. Nina Katschnig (die Leiterin der Galerie) und Florian Reese seien stellvertretend für alle genannt, die sich verdient machten. Aber es zahlte sich aus. Die Künstler aus Gugging nahmen sofort Besitz von ihren neuen Räumen, nutzten die Ateliers oder kamen oft auch nur, um sich zu unterhalten, nutzten die neuen Räume als Kommunikationspunkte.

Die museale Architektur sollte ästhetisch und praktisch entsprechen, ohne die Grundsubstanz zu stören. Die Mittel reichten aus, um sehr sparsam, aber mit allen notwendigen Erfordernissen wie Sicherheit, Brandschutz usw. das museum gugging 2006 zu eröffnen.

Das Ziel des Museums war und ist einerseits die Präsentation der Werke der Gugginger Künstler, andererseits aber auch jene ihrer internationalen Art Brut-Kollegen. Darüber hinaus soll dieses Museum den Vergleich zu allen anderen Kunstrichtungen bieten und Gemeinschaftsausstellungen aller Richtungen im Vergleich anbieten.

Um permanente Planungs-Sicherheit zu gewähren, übertrugen wir dann den Betrieb der Niederösterreichischen Kulturwirtschaft, die über 32 weitere Kulturbetriebe organisiert.

Die „,Privatstiftung - Künstler aus Gugging“ wurde realisiert und beinhaltete damals rund 500 gestiftete Werke. Private Schenkungen erhöhten die Anzahl der Werke der Sammlung nun auf über tausend Originale und Radierungen. Inzwischen haben auch viele internationale Künstler und auch Sammler Werke in die Stiftung eingebracht. Auch Hannah Rieger zählt zu den SchenkerInnen.

Bisherige Ausstellungen haben die wesentlichen Art Brut-Künstler der Welt gezeigt, von Adolf Wölfli über Aloise Corbaz zu August Walla und Judith Scott, Louis Soutter und Martin Ramirez, aber auch Gaston Chaissac, Thangkas aus vier Jahrhunderten und Stammeskunst und Neuguinea, African American Artists und Fotografie.

Bedeutung hat das Museum auch damit erlangt, dass hier erstmals Werke der Art Brut in einem klassischen Museumskontext präsentiert werden. Diese Kunst ist eine von vielen dieser Welt und soll in gleicher Weise wie andere Kunst gezeigt werden. Nur durch solche Anerkennung wird auch der Schöpfer dieser Kunst geschätzt.

Um ein größeres Publikum anzusprechen und andere Kunstrichtungen zu integrieren, gibt es in unserem Art / Brut Center neben der galerie gugging das offene atelier, das jeder Person zugänglich ist und auch eine Halle für Musik und Theater, einen Museumsshop.

Die galerie gugging organisiert nicht nur Verkaufsausstellungen der Gugginger Künstler im Hause und in 20 Partnergalerien von Paris über New York und Chicago bis Tokio, sondern baut ihre Künstler auch in ihrer künstlerischen Karriere auf. Sie ist auch die Quelle, aus der die Künstler ihr Einkommen beziehen, was von besonderer Bedeutung ist. Nina Katschnig betreut die Künstler seit 20 Jahren und leitet diese Galerie. Sie war auch beim Aufbau des Museums wesentlich dabei und hat das Management des Museums viele Jahre geleitet. So wurde Gugging zu einem der bedeutendsten Zentren für Art Brut weltweit und wird seinen Sammlern und Besuchern auch weiterhin diese Welt nahebringen.

 

Johann Feilacher

Johann Feilacher wurde 1954 in Villach, Kärnten, geboren. Er studierte Medizin an der Universität Graz, promovierte 1978 zum Dr. med. univ. und wurde 1986 Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. 1983 holte ihn Leo Navratil als Assistent in die Landesnervenklinik Gugging. 1986 wurde er dessen Nachfolger und Leiter des von ihm umbenannten Hauses der Künstler in Gugging. 2000 gelang Johann Feilacher die Ausgliederung dieser international beachteten Künstlerwohngemeinschaft aus der Psychiatrie und dessen Umwandlung in eine Sozialhilfeeinrichtung. Seither baut er – gemeinsam mit Nina Katschnig, Geschäftsführerin der galerie gugging, und seinem Team – Gugging zu einem weltweit einzigartigen Art Brut Center aus. 2006 eröffnete das museum gugging, als dessen künstlerischer Leiter er seither fungiert. Er ist darüber hinaus Mitglied des Vorstandes der Privatstiftung - Künstler aus Gugging, die seit 2003 eine permanente Sammlung für das Museum aufbaut. Um den Art Brut-Nachwuchs sicherzustellen, gründete Johann Feilacher ein offenes Atelier am Standort des Museums. Als Kurator verantwortet er unzählige internationale Ausstellungen und veröffentlicht regelmäßig Publikationen über die Künstler aus Gugging. Johann Feilacher ist selbst auch Künstler. Nach einer längeren Zeit als Maler entwickelte er sich in den 1980er Jahren zum Bildhauer, der überwiegend mit Holz, in den USA und in Europa, arbeitet. Seine Skulpturen sind teilweise in monumentalen Formaten.